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Wissen · Beschaffung

Sicherheitstechnik beschaffen: erst die Funktion, dann Geräte

Warum einzelne Kameras und Lautsprecher noch keine Sicherheitsinfrastruktur sind – und wie Sie Funktionen, Anforderungen und Nachweise für den Auftrag festlegen.

Stand: · MOVETOS

Viele Sicherheitsprojekte beginnen mit einer Geräteliste: drei Kameras für den Eingang, zwei Lautsprecher für die Bühne, ein paar Funkgeräte für den Ordnungsdienst. Jede Position für sich ist sinnvoll. Trotzdem entsteht daraus oft kein System, auf das sich die Verantwortlichen im Ernstfall verlassen können. Die Kamera am Eingang liefert ein Bild, das niemand ansieht. Der Lautsprecher an der Bühne erreicht den Parkplatz nicht. Und das Funknetz hält, bis Tausende Menschen gleichzeitig telefonieren wollen.

Dieser Beitrag zeigt, wie Veranstalter, Kommunen, Unternehmen und Betreiber kritischer Infrastruktur Sicherheitstechnik von der Aufgabe her beschaffen – und wie sie am Ende prüfen, ob sie wirklich funktioniert.

Das Problem: Komponenten statt Funktionen

Sicherheitstechnik wird häufig Komponente für Komponente gekauft. Das hat nachvollziehbare Gründe: Budgets sind auf Positionen verteilt, Angebote lassen sich über Stückzahlen leicht vergleichen, und gewachsene Strukturen werden fortgeschrieben. Gerade bei Traditionsfesten, Weihnachtsmärkten oder Werksgeländen steht oft Technik, die einmal für eine andere Aufgabe angeschafft wurde.

Das Ergebnis sind Einzelmaßnahmen. Hier eine Kamera, dort ein Lautsprecher – aber keine funktionierende Sicherheitsinfrastruktur. Es fehlt das Verbindende: Wer sieht die Bilder? Wer entscheidet über eine Durchsage? Was passiert bei Stromausfall oder überlastetem Mobilfunk? Wer hält fest, was wann geschah?

Wer zuerst die Geräte festlegt, beantwortet diese Fragen zu spät – oder gar nicht.

Grundlagen: Was ist eine Sicherheitsfunktion?

Eine Sicherheitsfunktion beschreibt, was im Betrieb gewährleistet sein muss – nicht, womit. Für Veranstaltungen, Liegenschaften und Anlagen lassen sich vier Funktionen unterscheiden:

1. Verlässliches Lagebild

Die Verantwortlichen müssen erkennen, wo sich Besucher ungewöhnlich bewegen, wo sich eine Lage entwickelt, ob Zufahrten für Rettungskräfte frei sind. Viele Kamerabilder sind dafür noch kein Lagebild. Entscheidend ist, dass aus den Bildern eine Aussage wird: Hier ist es frei, dort wird es eng. Bei Baustellen und Anlagen heißt Lagebild vor allem: Wer betritt einen Sperrbereich oder überschreitet eine Zaunlinie?

2. Besucher im Notfall erreichen

Eine Information nützt nur, wenn sie ankommt – verständlich, in der richtigen Sprache, im richtigen Bereich. Für Notfallwarnsysteme nennt DIN EN 50849 klare Maßstäbe, unter anderem einen Sprachübertragungsindex (STI) von mindestens 0,5. Mehr dazu im Beitrag Durchsagen bei Veranstaltungen.

3. Kommunikation unter Last

Ordnungsdienst, Sanitätsdienst, Security und Technik müssen erreichbar bleiben, auch wenn das Mobilfunknetz überlastet ist oder der Strom ausfällt. Diese Funktion wird am häufigsten vorausgesetzt und am seltensten geprüft.

4. Dokumentation

Was wurde wann erkannt, wer hat wie reagiert, welche Durchsage lief wo? Eine nachvollziehbare Dokumentation schützt Verantwortliche gegenüber Behörden und Auftraggebern und ist die Grundlage, um beim nächsten Mal besser zu planen.

Quer zu allen vier Funktionen steht eine Bedingung: Sie müssen bei Störungen funktionieren – bei Stromausfall, überlasteten Netzen und plötzlich wechselnden Besucherströmen.

Praxis: Von der Funktion zur Anforderung

Aus den Funktionen leiten Sie Anforderungen ab, die ein Anbieter erfüllen und nachweisen muss. Für öffentliche Auftraggeber ist dieser Weg ausdrücklich vorgesehen: Nach § 121 GWB und § 31 Abs. 2 VgV darf die Leistung über Leistungs- oder Funktionsanforderungen oder als Beschreibung der zu lösenden Aufgabe ausgeschrieben werden; europarechtlich steht dasselbe in Art. 42 der Richtlinie 2014/24/EU. Private Auftraggeber sind ohnehin frei.

Die folgende Tabelle zeigt, wie eine solche Beschreibung aussehen kann:

FunktionAnforderungNachweis
Verlässliches LagebildEingänge, Engstellen, Bühnenvorplatz und Rettungswege sind beobachtet; die Lage wird je Bereich als Aussage angezeigt (z. B. Personendichte), nicht nur als KamerabildLageplan mit beobachteten und nicht beobachteten Bereichen; Probebetrieb mit Warnung bei einem festgelegten Grenzwert
Sperrbereiche und PerimeterBetreten eines festgelegten Bereichs wird gemeldet, mit Ort und BelegBegehung mit Testperson; Meldung erscheint mit Ort und Belegfoto
Besucher im Notfall erreichenAlle Publikumsflächen in Zonen ansprechbar; vorbereitete Texte in den nötigen Sprachen; Musik wird für Sicherheitsdurchsagen unterbrochenSTIPA-Messung nach IEC 60268-16 an repräsentativen Punkten; Probedurchsage je Zone; Test der Unterbrechung
Kommunikation unter LastTeam-Steuerung und Durchsagen laufen ohne Mobilfunk und Internet weiterProbebetrieb mit abgeschaltetem Mobilfunk bzw. ohne Internetverbindung
Betrieb bei StromausfallLagebild und Durchsagen arbeiten ohne öffentliches Stromnetz für die geforderte DauerAngabe der Laufzeit; Test mit getrennter Netzversorgung
DokumentationWarnungen, Reaktionen und Durchsagen werden mit Zeitpunkt und Beleg festgehalten; Bericht für Behörde und AuftraggeberMuster-Bericht; Auszug aus dem Protokoll nach dem Probebetrieb

Einige Hinweise zur Anwendung:

  • Bereiche statt Stückzahlen: Beschreiben Sie, welche Orte beobachtet und beschallt werden müssen. Wie viele Kameras oder Lautsprecher dafür nötig sind, ist Aufgabe des Anbieters – und ein Prüfpunkt für die Qualität seiner Planung. Für Videoanlagen beschreibt IEC 62676-4, wie für jede Kamera vorab festgelegt wird, wozu das Bild dienen soll.
  • Lücken sichtbar machen: Fordern Sie, dass nicht beobachtete Bereiche ausdrücklich ausgewiesen werden. Ein Lagebild, das Werte behauptet, wo keine Kamera hinreicht, ist gefährlicher als eine ehrliche Lücke.
  • Menschen einplanen: Legen Sie fest, wer Warnungen sieht, wer Durchsagen freigibt und wer das Team führt. Technik ohne zugeordnete Rolle ist eine Einzelmaßnahme.
  • Vorgaben einbeziehen: Das Sicherheitskonzept, die Muster-Versammlungsstättenverordnung in der Landesfassung und Auflagen der Behörde liefern Mindestanforderungen. Einen Überblick gibt der Beitrag Sicherheitskonzept: Normen für Lagebild, Warnung und Durchsage.

Der Test am Veranstaltungstag

Die beste Ausschreibung ersetzt nicht die Frage, die am Ende zählt: Funktionieren die geplanten Maßnahmen am Veranstaltungstag wirklich? Vier Prüffragen helfen:

  1. Erreicht die Information die Besucher? Probedurchsage in jeder Zone, an den lautesten Stellen hören, Verständlichkeit messen.
  2. Gibt es ein brauchbares Bild? Zeigt das Lagebild die kritischen Orte – auch bei Dunkelheit, Gegenlicht und dichtem Publikum?
  3. Hält die Kommunikation unter Last? Erreicht die Leitstelle ihr Team auch dann, wenn das Mobilfunknetz überlastet ist?
  4. Übersteht das System einen Ausfall? Was passiert, wenn der Strom ausfällt oder eine Verbindung abbricht?

Diese Prüfungen gehören in den Zeitplan – vor Einlass, mit den Personen, die später auch im Einsatz sind. Bei Baustellen und Anlagen im Dauerbetrieb gehören sie in regelmäßige Abstände, nicht nur in die Abnahme.

So unterstützt MOVETOS OPS

MOVETOS OPS ist die Plattform, die Einzelgeräte zu einem System verbindet: Masten, Besucher-Durchsage-Systeme (BDS), Unterbrecher-Boxen für Fahrgeschäfte, Bühnen und sonstige Beschallung Dritter und vorhandene Kameras und Lautsprecher werden in einer Oberfläche gesteuert. MOVETOS OPS gibt es mit MOVETOS-Hardware oder als Dienst (SaaS) für vorhandene Systeme.

Für die vier Funktionen bedeutet das:

  • Lagebild: Kamerabilder und Personendichte je Bereich auf einer Karte. Live erkannt werden Personendichte, Person im Sperrbereich und herrenloses Gepäck; bei einer Warnung wird ein Belegfoto gespeichert, Video wird nicht aufgezeichnet. Die KI läuft vor Ort, eine Cloud ist nicht nötig. Die Grenzwerte legen Sie fest.
  • Besucher erreichen: Durchsagen in fünf Sprachen, auch offline, einzeln je Bereich oder überall. Eine Unterbrecher-Box bindet Fahrgeschäfte, Bühnen und sonstige Beschallung Dritter ein; die Sicherheitsdurchsage unterbricht deren Musik. Das System schlägt vor, der Mensch gibt frei.
  • Kommunikation unter Last: Die Team-Steuerung funktioniert auch ohne Mobilfunk über das lokale Netz vor Ort. Ein MOVETOS SET – Masten mit Kamera, Licht und Lautsprecher – arbeitet netz- und stromautark.
  • Dokumentation: Die Veranstaltung wird lückenlos dokumentiert. Einsatztagebuch und Abschlussbericht enthalten Warnungen mit Reaktionszeiten, Durchsagen und Kennzahlen – geeignet als Nachweis gegenüber Behörde und Auftraggeber.

Für den Test vor dem Einsatz lässt sich eine Veranstaltung zunächst als Simulation starten, um Abläufe zu üben; jeder Lautsprecher kann einzeln geprüft werden. Die Planung des Aufbaus beschreibt der Beitrag Kameras, Lautsprecher und Funk auf dem Gelände planen.

Checkliste für Ihre Beschaffung

  • Funktionen benennen: Welche Sicherheitsfunktionen müssen gewährleistet sein – Lagebild, Besucher erreichen, Kommunikation, Dokumentation?
  • Störfälle festlegen: Welche Ausfälle muss das System überstehen – Strom, Mobilfunk, Internet?
  • Bereiche beschreiben: Welche Orte müssen beobachtet, welche beschallt werden?
  • Rollen klären: Wer sieht Warnungen, wer gibt Durchsagen frei, wer führt das Team?
  • Nachweise fordern: Zu jeder Anforderung ein prüfbarer Nachweis – Messung, Probebetrieb, Muster-Bericht.
  • Lücken ausweisen lassen: Nicht beobachtete Bereiche müssen sichtbar sein.
  • Test einplanen: Probebetrieb vor Einlass, mit dem echten Team und unter realistischen Bedingungen.
  • Auswertung vereinbaren: Bericht nach der Veranstaltung als Grundlage für die nächste Planung.

Fazit

Sicherheit entsteht nicht durch die Summe einzelner Geräte, sondern durch Funktionen, die im Ernstfall tragen. Wer zuerst festlegt, was gewährleistet sein muss – ein verlässliches Lagebild, erreichbare Besucher, Kommunikation unter Last und eine lückenlose Dokumentation –, kann Anforderungen und Nachweise klar formulieren und Angebote fair vergleichen. Ob die Planung trägt, zeigt der Test am Veranstaltungstag. Diese Frage sollte jede Beschaffung von Anfang an mitdenken – bei Veranstaltungen, in Unternehmen und bei kritischer Infrastruktur.

Quellen

  1. MOVETOS auf LinkedIn (https://de.linkedin.com/company/movetos): Beiträge zur Beschaffung nach Sicherheitsfunktion, zu Einzelmaßnahmen statt Sicherheitsinfrastruktur und zur Frage, ob Maßnahmen am Veranstaltungstag funktionieren (Stand 10.10.2026).
  2. Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB), § 121 Leistungsbeschreibung.
  3. Vergabeverordnung (VgV), § 31 Leistungsbeschreibung, Abs. 2 Nr. 1 (Leistungs- oder Funktionsanforderungen).
  4. Richtlinie 2014/24/EU über die öffentliche Auftragsvergabe, Art. 42 Abs. 3 Buchst. a (technische Spezifikationen als Leistungs- oder Funktionsanforderungen).
  5. DIN EN 50849 (VDE 0828-1):2017-11: Elektroakustische Notfallwarnsysteme.
  6. IEC 60268-16: Objektive Bewertung der Sprachverständlichkeit durch den Sprachübertragungsindex (STI), Kurzverfahren STIPA.
  7. IEC 62676-4: Videoüberwachungsanlagen für Sicherungsanwendungen – Teil 4: Anwendungsregeln.
  8. Muster-Versammlungsstättenverordnung (MVStättV), Bauministerkonferenz; in der jeweiligen Landesfassung.

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