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Personendichte bei Veranstaltungen: Ab wann wird es zu eng?
Personen pro m², Level of Service nach Fruin, sinnvolle Warnstufen und wie sich Dichte per Kamera messen lässt – Grundlagen für Veranstalter und Behörden.
Stand: · MOVETOS
Vor der Bühne, am Einlass, am Ausgang nach dem Schlussakkord: Bei fast jeder Veranstaltung gibt es Stellen, an denen sich Menschen stauen. Ob das nur „voll“ ist oder schon gefährlich, lässt sich mit bloßem Auge schwer einschätzen – vor allem aus der Distanz, nachts oder auf einem Kamerabild ohne Größenbezug.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht „Wie viele Menschen sind da?“, sondern „Wie viel Platz hat jeder Einzelne?“. Genau das beschreibt die Personendichte.
Was Personendichte bedeutet
Personendichte gibt an, wie viele Personen auf einem Quadratmeter stehen oder gehen. Der Kehrwert ist der Platz je Person: Bei 2 Personen pro m² hat jeder rund einen halben Quadratmeter, bei 4 Personen pro m² nur noch einen Viertelquadratmeter.
Eine reine Besucherzahl sagt darüber wenig aus. 5.000 Menschen auf einem weitläufigen Gelände sind unkritisch – wenn sich davon 400 auf einer engen Zufahrt sammeln, kann es dort trotzdem gefährlich werden. Dichte ist immer eine Aussage über einen bestimmten Ort.
Grundlagen: Level of Service nach Fruin
Die bekannteste Einteilung stammt von John J. Fruin. In „Pedestrian Planning and Design“ (1971) beschreibt er mit dem Level of Service (LOS) sechs Stufen von A bis F. Für stehende und wartende Menschen gilt näherungsweise:
| Stufe | Platz je Person | Dichte | Zustand |
|---|---|---|---|
| A | über 1,2 m² | unter 0,83 P/m² | freie Bewegung |
| B | ca. 0,93 – 1,2 m² | 0,83 – 1,08 P/m² | Stehen bequem, Bewegung teilweise eingeschränkt |
| C | ca. 0,65 – 0,93 m² | 1,08 – 1,54 P/m² | Stehkomfort eingeschränkt, Durchkommen begrenzt |
| D | ca. 0,28 – 0,65 m² | 1,54 – 3,57 P/m² | keine Bewegung ohne Kontakt |
| E | ca. 0,19 – 0,28 m² | 3,57 – 5,26 P/m² | unvermeidlicher Körperkontakt |
| F | unter ca. 0,19 m² | über 5,26 P/m² | keine eigene Bewegung mehr möglich |
Die Skala zeigt vor allem eines: Zwischen „angenehm“ und „kritisch“ liegt keine riesige Spanne. Der Schritt von Stufe C zu Stufe E ist schon bei rund drei zusätzlichen Personen pro Quadratmeter erreicht.
Die Faustregel von G. Keith Still
Der britische Crowd-Science-Forscher G. Keith Still (2000, 2014) hat für die Praxis eine einprägsame Faustregel geprägt:
- ab etwa 2 Personen pro m² ist die Bewegung eingeschränkt,
- ab etwa 4 Personen pro m² wird es gefährlich,
- ab etwa 6 Personen pro m² herrscht Gedränge.
In dieselbe Richtung weist der britische Event Safety Guide der Health and Safety Executive (1999), bekannt als „Purple Guide“: Für offene Veranstaltungsflächen nennt er eine Dichte von höchstens 2 Personen pro m².
Nicht jeder Ort verträgt dieselbe Dichte
Ein fester Grenzwert für das ganze Gelände greift zu kurz. Auf einem Weg oder an einem Zugang müssen Menschen gehen können; dort wird es deutlich früher eng als im Stehpublikum, das ohnehin dichter steht. Auf Tribünen und Sitzplätzen gelten wiederum eigene Maßstäbe. Sinnvoll ist deshalb, jedem beobachteten Ort ein eigenes Warnprofil zu geben.
Dichte in der Praxis messen
Wer Dichte überwachen will, braucht zwei Größen: die Zahl der Personen in einem Bereich und die Fläche dieses Bereichs in Quadratmetern. Beides ist schwieriger, als es klingt.
Personen zählen: Köpfe statt Körper
Bei geringer Dichte lassen sich ganze Personen im Kamerabild gut erkennen. Je enger es wird, desto mehr verdecken sich die Körper gegenseitig. Köpfe dagegen bleiben aus erhöhter Perspektive meist sichtbar. Für dichte Menschenmengen ist deshalb die Kopferkennung das geeignete Verfahren. Der Datensatz CrowdHuman (Shao et al., 2018) wurde eigens für das Erkennen von Personen in dichten Mengen erstellt und enthält dafür auch Kopfmarkierungen.
Die Kameraposition spielt eine große Rolle: Ein steiler Blickwinkel von etwa 30 bis 60 Grad zur Senkrechten erleichtert die Kopferkennung. Gute Beleuchtung oder Infrarotlicht verbessern die Ergebnisse bei Dunkelheit.
Fläche bestimmen: den Boden vermessen
Ein Kamerabild hat keinen Maßstab. Ein Quadratmeter im Vordergrund nimmt viel mehr Bildfläche ein als einer in 30 Metern Entfernung. Damit aus einer Kopfzahl eine Dichte in Personen pro m² wird, muss der beobachtete Boden vermessen werden: Man markiert im Kamerabild vier Punkte am Boden, deren Lage in Metern bekannt ist, zum Beispiel die Ecken eines abgemessenen Rechtecks, und gibt die Montagehöhe der Kamera an.
Daraus lässt sich die Fläche jedes Beobachtungsbereichs in Quadratmetern berechnen. Zugleich wird ein oft übersehener Fehler korrigiert: Ein Kopf in 1,6 Metern Höhe erscheint im Bild deutlich weiter hinten als die Füße derselben Person. Bei einer Kamerahöhe von 5 Metern macht das rund die Hälfte der Entfernung aus. Ohne diese Korrektur würden Personen an den Rändern eines Bereichs systematisch falsch zugeordnet.
Ohne Vermessung: Auslastung statt Dichte
Ist der Boden nicht vermessen, lässt sich keine echte Dichte angeben. Dann bleibt nur, für jeden Bereich eine Höchstzahl an Personen festzulegen und die Auslastung in Prozent dieser Zahl zu bewerten, etwa mit Stufen bei 50, 70 und 90 Prozent. Das ist eine brauchbare Näherung, hängt aber vollständig an der Qualität der geschätzten Höchstzahl.
Messwerte beruhigen
Einzelne Videobilder schwanken: Eine Person wird kurz verdeckt, eine andere doppelt erfasst. Damit Warnungen nicht im Sekundentakt an- und ausgehen, sollten Rohwerte geglättet werden, zum Beispiel als gleitender Median über einige Sekunden. Zusätzlich hilft eine Hysterese: Eine Stufe fällt erst wieder ab, wenn der Wert deutlich unter die Schwelle gesunken ist.
Vom Einzelbild zur Lagekarte
Eine Kamera sieht nur ihren Ausschnitt. Für die Einsatzleitung zählt aber das Bild über das ganze Gelände. Eine Heatmap fasst die Messungen mehrerer Kameras auf einer Karte zusammen. Wichtig ist dabei Ehrlichkeit: Zwischen zwei Messpunkten kann man nur schätzen, und Bereiche, die keine Kamera sieht, sollten als „nicht beobachtet“ erkennbar sein, statt mit erfundenen Werten eingefärbt zu werden.
Wie MOVETOS OPS Personendichte erfasst
MOVETOS OPS setzt die beschriebenen Grundlagen in der Plattform um:
- Kopfzählung im Kamerabild: Bei dichter Menge stützt sich die Zählung auf erkannte Köpfe, bei wenigen Personen auf die Ganzkörpererkennung.
- Boden vermessen: Bei der Einrichtung einer Kamera markiert man vier Bodenpunkte und gibt die Montagehöhe an. Die Plattform berechnet daraus die Fläche jedes Beobachtungsbereichs, korrigiert die Kopfhöhe auf den Boden und zeigt die Dichte direkt in Personen pro m² sowie als Fruin-Stufe. Ohne Vermessung bewertet sie die Auslastung gegenüber einer festgelegten Höchstzahl.
- Warnprofile je Ort: Jeder beobachtete Ort erhält ein Profil. Voreingestellt sind „Wege und Zugänge“ (eng ab 1,2, sehr eng ab 2,0 Personen pro m²), „Stehpublikum“ (2,5 / 3,5) und „Sitzplätze“ (1,2 / 1,8); eigene Werte sind möglich.
- Vier verständliche Stufen: Auf der Lagekarte heißen die Zustände „frei“, „belebt“, „eng“ und „sehr eng“, immer zusammen mit der Zahl, etwa „eng · 1,3/m²“. Die Werte werden über drei Sekunden geglättet; eine Stufe fällt erst mit 15 Prozent Abstand zur Schwelle wieder ab.
- Dichtefeld über die Veranstaltungsfläche: Vermessene Bereiche werden über Standort, Blickrichtung und Bodenvermessung auf die Karte gelegt. Zwischen den Messungen wird geschätzt; Stellen weit außerhalb der Kamerareichweite erscheinen grau schraffiert als „nicht beobachtet“.
- Warnungen als Vorschlag: Wird es eng, erscheint die Warnung als Satz oben auf der Lage-Seite, auf Wunsch auch als Mitteilung aufs Handy. Eine passende Durchsage wird vorgeschlagen, aber nicht von selbst abgespielt. Das System schlägt vor, der Mensch gibt frei. Jede Warnung landet mit Uhrzeit und Standbild im Einsatztagebuch.
Im Nachgang zeigt die Auswertung je Ort, wann es am vollsten war und wie lange „eng“ oder „sehr eng“ galt, mit den Schwellen als Linien im Verlauf.
Checkliste für Ihre Veranstaltung
- Kritische Orte festlegen: Einlass, Engstellen, Bühnenbereich, Ausgänge – wo kann sich Dichte aufbauen?
- Je Ort einen Maßstab wählen: Wege und Zugänge brauchen niedrigere Schwellen als Stehpublikum.
- Kameras passend montieren: möglichst erhöht und steil, mit freiem Blick auf die Köpfe.
- Boden vermessen: Nur so wird aus einer Kopfzahl eine belastbare Dichte in Personen pro m².
- Abläufe vorbereiten: Wer reagiert bei „eng“, wer bei „sehr eng“? Welche Durchsage passt, welche Zugänge lassen sich umleiten?
- Lücken kennen: Wissen, welche Bereiche keine Kamera sieht, und dort Personal einplanen.
Fazit
Ab wann es zu eng wird, lässt sich nicht an der Besucherzahl ablesen, sondern nur am Platz je Person – und zwar Ort für Ort. Die Level-of-Service-Skala nach Fruin und die Faustregel von Still geben belastbare Anhaltspunkte. Messen lässt sich Dichte per Kamera dann zuverlässig, wenn Köpfe gezählt und die Bodenfläche vermessen ist. Die Entscheidung, was daraus folgt, bleibt bei der Einsatzleitung.
Quellen
- Fruin, J. J. (1971). Pedestrian Planning and Design. Metropolitan Association of Urban Designers and Environmental Planners, New York.
- Still, G. K. (2000). Crowd Dynamics. PhD Thesis, University of Warwick.
- Still, G. K. (2014). Introduction to Crowd Science. CRC Press.
- Health and Safety Executive (1999). The Event Safety Guide: A Guide to Health, Safety and Welfare at Music and Similar Events („Purple Guide“). HSE Books.
- Shao, S., Zhao, Z., Li, B., Xiao, T., Yu, G., Zhang, X. & Sun, J. (2018). CrowdHuman: A Benchmark for Detecting Human in a Crowd. arXiv:1805.00123.
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